Venezuela 1996

Zielorte:
Dauer:
Reiseveranstalter:

Zeitraum:
Venezuela
2 Wochen
Meiers Weltreisen
17.12.1996 - 01.01.1997

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Eine Kombination zweier gebuchter Abenteuerrundreisen durch die traumhaften Landschaften im Osten Venezuelas. Ein Land mit dichtem Dschungel, Savanne, gewaltigen Flüssen, Wasserfällen und herausragenden Tafelbergen erwartet uns am Orinoco-Delta und im Nationalpark der Gran Sabana. Außerdem gehört noch ein Abstecher an die Traumstrände der Karibik zum Inselarchipel Los Roques zum Programm.


1. Tag: Porlamar / Isla de Margarita


Nach einem neunstündigen Flug mit der LTU landen wir drei (Simone, mein Cousin Christoph und ich) am Nachmittag auf dem Flughafen der Stadt Porlamar auf der Insel Isla de Margarita im karibischen Meer und werden danach per Kleinbus ins Stadthotel Conf. Margarita Suites gebracht. Am Abend lernen wir beim Meeting mit dem Reiseleiter Uli auch die anderen zehn Teilnehmer der Reisegruppe kennen. Das anschließende Buffet im Hotel ist gut, und nach einem Bier an der Bar auf dem Dach des Hotels mit Blick über die lebendige Stadt verziehen wir uns auch gleich in unsere Zimmer, denn am nächsten Morgen müssen wir schon um 4.00 Uhr wieder raus aus den Federn, um unsere Rundreise zu beginnen.


2. Tag: Maturin / Orinoco-Delta



Ein Propellerflugzeug der Linea Turistica Aerotuy (LTA), einer inländischen Fluggesellschaft, bringt uns kurz nach Sonnenaufgang in die Provinzstadt Maturin, ca. 250 km nordwestlich des Orinoco-Deltas. Von dort besteigen wir einen kleinen Bus, der uns durch die flache Landschaft der östlichen Llanos in einer dreistündigen Fahrt nach Tucupita bringt, der Hauptstadt des Deltas. Am Ufer des breiten Orinocos angelangt, werden wir zunächst mal zu einer unfreiwilligen Pause gezwungen, denn das Boot, das uns ins Delta bringen soll, ist noch nicht da. Im Laufe unserer Tour werden wir noch öfter die Erfahrung machen, daß Pünktlichkeit in Venezuela von den Einheimischen nicht so ernst genommen wird.

Die Stunden des Wartens vertreiben wir hauptsächlich mit Herumsitzen und Gesprächen untereinander. Zwischendurch besuchen wir auch mal das Haus einer venezolanischen Familie, die ein paar interessante Haustiere besitzt, wie z. B. Wasserschweine und flamingoähnliche Wasservögel. Kurios ist ein „Weihnachtsbaum“ im Garten, an dem statt Christbaumkugeln volle Bierdosen hängen. Andere Länder, andere Sitten!!

Gegen Nachmittag trudelt dann auch endlich das Boot ein. Mit voller Kraft der Motoren düsen wir anschließend über den Orinoco, an dessen dicht bewachsenem Ufer Brüllaffen in den Bäumen herum klettern. Das Klima ist subtropisch, doch der Fahrtwind läßt uns die feuchte Hitze gut ertragen. Manchmal zeigt sich auch einer der im Süßwasser lebenden Orinoco-Delphine. Bald verschwinden auch die kleinen Dörfer am Rande des Flusses, und wir fahren immer tiefer in das riesige Flußdelta hinein. Hier leben fast nur noch vereinzelte Gruppen von Warao-Indianern fernab der übrigen Zivilisation.

Schließlich erreichen wir unser Dschungel-Camp am Ufer eines Seitenarms des Flusses. Inmitten der üppigen, tropischen Vegetation hat man zwar sehr einfache, aber gemütliche Unterkünfte geschaffen. Strom gibt es keinen, dafür ist jedes Zimmer mit Kerzen ausgestattet. Wir erkunden das Camp und die Umgebung und treffen unter anderem auf eine große, schwarzgelbe Schlange, die rasch im Wasser zuflucht sucht. Manche unserer Gruppe gehen eine Runde im braunen Wasser des Orinocos schwimmen, doch wir verzichten lieber auf dieses Vergnügen, denn uns schrecken die netten, im Wasser lebenden Tierchen ab, vor allem die zahlreich vorkommenden Piranhas. Unser Reiseleiter Uli erklärt uns aber, daß diese gefräßigen Raubfische nur eine Gefahr bedeuten, wenn sie besonders ausgehungert sind. In näheren Kontakt mit diesen Fischen kommen wir aber beim anschließenden Piranha-Angeln. Dafür, daß sie nicht hungrig sind, beißen sie zumindest recht schnell an! Der Fang wird an die Hauskatze des Camps und an einen zahmen Vogel verfüttert, denn die Piranhas sind zu klein und zu grätenreich für's Abendessen.

Dieses nehmen wir dann gemeinsam unter freiem Himmel ein, nachdem wir noch eine kleine Sundowner-Bootstour unternommen haben. Am Abend gibt es dann noch Simones Geburtstag zu feiern. Daher sitzen wir leichtsinnigerweise noch bis lange nach Einbruch der Dunkelheit an der gemütlichen Fluß-Bar und veranstalten einen feuchtfröhlichen Abend mit Bier, Rum und Cola. Die Strafe folgt jedoch später in Form von unzähligen Moskitostichen an Händen, Armen und Rücken. Selbst durch unsere langen Hosen und die T-Shirts stechen die Mistviecher durch. Selbstverständlich haben wir uns mit Mückenschutzmitteln eingerieben, aber wir erfahren von den Einheimischen, daß gegen diese Mücken nur Kerosin vermischt mit Babyöl hilft. Klasse! Zum Glück haben wir eine Malariaprophylaxe (Lariam) genommen. Uli lehnt diese Chemikalien übrigens völlig ab. Er nimmt keinerlei Medikamente und lebt schon seit über 2 Jahren hier. Uns ist dieses Risiko aber doch etwas zu hoch, zumal ich am nächsten Morgen über 200 Stiche an mir zähle!


3. Tag: Orinoco-Delta / Puerto Ordaz



In der Nacht werden wir plötzlich von einem Schuß geweckt! Leicht beunruhigt schlafen wir wieder ein. Am nächsten Tag erfahren wir, daß der Warnschuß vom Betreiber des Camps abgegeben worden ist, da sich einige betrunkene Gestalten in der Nacht mit einem Boot genähert hatten. Hier im Dschungel herrschen eben noch rauhe Sitten!

Am Morgen gibt es dann noch mal einen großen Schreck: ein Augenlid von Simone ist von einem Moskitostich derart angeschwollen, daß sie auf diesem Auge nichts mehr sehen kann! Deshalb verzichtet sie lieber freiwillig auf den morgendlichen Bootsausflug in den Dschungel und versucht die Schwellung mit einem Eisbeutel zu kühlen. Die Arme! Meine Stiche machen mir dagegen kaum zu schaffen. Ich bin zwar übersät davon, aber es juckt zum Glück nur wenig.

Zusammen mit unserer Gruppe erkunden wir ein wenig die „grüne Hölle“ des Orinoco-Deltas. Mit Gummistiefeln und Regenjacken gewappnet machen wir eine kleine Wanderung durch die dichte Vegetation und probieren sogar frisch mit dem Buschmesser geschlagene Palmherzen. Wir sind nach kurzer Zeit alle schweißdurchnäßt von der hohen Luftfeuchtigkeit. Zudem wird unser Vorwärtskommen durch den matschigen Boden erschwert.

Aber zurück am Boot gibt es erstmal kühle Getränke. Wieder erholt besuchen wir in der Nähe eine Ansiedlung der Warao-Indianer. Die „Häuser“ dieser Ureinwohner bestehen nur aus einigen Pfählen mit einem Blätterdach darauf. Die Waraos leben hauptsächlich von dem, was die Natur gerade bietet: Fischfang, wilde Früchte, Schildkröten und andere Kleintiere und sogar Insektenlarven. Letztere schmecken übrigens gar nicht so schlecht, wie einige von uns bei einer Kostprobe feststellen können. Ansonsten verdienen die Indianer nur ein paar Bolívar durch den Verkauf von Handarbeitsartikeln an Touristen.



Im Dschungel-Camp angekommen, brechen wir nach dem Mittagessen schon gleich wieder auf und werden mit dem Schnellboot zurück nach Tucupita gebracht. Mit dem dort wartenden Kleinbus fahren wir im Anschluß daran durch das flache Land entlang des Orinocos in Richtung Ciudad Guayana. Kurz vor unserem Ziel müssen wir aber erst noch den an dieser Stelle kilometerbreiten Fluß mit einer klapprigen Autofähre überqueren. Diese Fahrt mit der Fähre ist schon ein Abenteuer für sich! Nach fast zweistündiger Wartezeit in der endlos langen Reihe wartender Fahrzeuge besteigen wir schließlich zu Fuß die Fähre und setzen über die braunen Fluten des Orinoco. Während der Fahrt dringt jede Menge Wasser durch die undichte Vorderklappe der Fähre ein, so daß einem Angst und Bange werden kann. Wir fahren an großen Hochsee-Frachtschiffen vorbei, die vor dem Hafen von Puerto Ordaz ankern. Der Orinoco ist an seinem Unterlauf so breit und tief, daß selbst diese riesigen Schiffe dort fahren können. Ciudad Guayana ist übrigens das wichtigste Schwerindustriezentrum Venezuelas, und stündlich werden ca. 6000 t Eisenerz von Puerto Ordaz aus verschifft.

Wir kommen jedenfalls heil am anderen Ufer an und müssen nur noch ein paar Kilometer bis zu unserem Hotel am Ufer des Rio Caroni fahren. Unweit unseres luxuriösen Hotels Intercontinental befinden sich die gewaltigen Stromschnellen und Wasserfälle des Caroni, bevor er in den Orinoco mündet. Beim Wasser des Rio Caroni handelt es sich um sog. Schwarzwasser. Seine cola-ähnliche Färbung wird durch natürliche Farbstoffe hervorgerufen, die aus Pflanzenwurzeln stammen.


4. Tag: Puerto Ordaz / Canaima


Am nächsten Morgen machen wir nach dem Frühstück einen Ausflug mit einem Motorboot zu den Wasserfällen. Wir fahren sehr dicht an die tosenden Fälle heran und genießen das beeindruckende Panorama. Plötzlich hat Uli für uns eine Überraschung auf Lager: Er bietet uns an, einfach mit der Schwimmweste ins tobende Wildwasser zu springen und sich von der Strömung den Fluß herunter treiben zu lassen. Im ruhigeren Gewässer sollen wir dann wieder vom Boot aufgelesen werden. Zunächst glauben wir, er erlaubt sich einen Scherz mit uns. Aber er springt zuerst und Sekunden später ist nur noch sein Kopf im Wasser zu erkennen, der sich rasch von uns entfernt.

Tja, da hilft nichts! Also springe ich mit Simone und noch einem weiteren Mitglied der Gruppe hinterher und überlasse mich den Naturgewalten. Es ist unbeschreiblich! Das Wasser zerrt uns mit enormer Kraft weg von den Wasserfällen und vom Boot, bis wir einige hundert Meter weiter flußabwärts nur noch langsam dahintreiben. Dank der angelegten Schwimmwesten schlucken wir kaum Wasser. Mit stark erhöhtem Adrenalinspiegel werden wir wieder an Bord gezogen. Am liebsten würde ich das Ganze gerade noch mal wiederholen, soviel Spaß hat es gemacht! Überrascht sind wir vor allem von dem angenehm warmen Wasser des Schwarzwasserflusses.

Klatschnaß wie wir sind, durchqueren wir nach dem Anlegen die Hotelhalle und steigen gleich darauf in den Bus, denn es geht weiter zum Flughafen. Mit einer kleinen Propellermaschine der LTA überfliegen wir bald darauf das Hochland von Guayana. Schon bald tauchen unter uns die ersten Tafelberge der Gran Sabana auf. Vor der Landung im Nationalpark Canaima überfliegen wir den gewaltigen, 2560 m hohen Auyán-Tafelberg, von dessen Plateau der höchste Wasserfall der Erde, der Angel Fall, herabstürzt. Trotz einiger Wolken haben wir eine phantastische Aussicht auf den 979 m hohen Wasserfall. Nach einer Extrarunde setzt der Flieger auf der Landebahn des Camps Canaima auf.



Nach der Begrüßung durch unseren örtlichen Reiseleiter Enricé bereiten uns einige der hier ansässigen Pemón-Indianer leckere, über Holzkohlefeuer gegrillte Hähnchen zu. Nach dem Essen bekommen Simone und Christel, eine Berlinerin aus unserer Reisegruppe, noch nachträglich ein lustiges Geburtstagsständchen auf spanisch gesungen. Zu Fuß geht es weiter entlang der Lagune von Canaima mit Blick auf die gewaltigen Wasserfälle des Rio Carrao. Die Landschaft rings herum gehört sicher zu den eindrucksvollsten und schönsten Gegenden Venezuelas.



Wir laufen zum oberen Rand der Fälle und steigen unmittelbar hinter den Stromschnellen mit unserem Gepäck in lange, einbaum-ähnliche Flußboote. Von der Anlegestelle aus fahren wir dann einige Kilometer stromaufwärts zu einer breiten Sandbank im Fluß, wo erstmal eine Badepause eingelegt wird. Das durch die Sonne aufgewärmte Wasser ist herrlich! Die zahlreichen, im dunkel gefärbten Fluß schwimmenden Fische sind außerordentlich zutraulich.

Die nächsten Stromschnellen müssen wir zu Fuß umgehen, da die Boote sonst einen zu großen Tiefgang haben. Also steuern unsere Pemón-Führer die Langboote mit unserem Gepäck sicher durch das wilde Wasser, während wir einen einstündigen Spaziergang entlang des Flußufers machen. Unterwegs besuchen wir kurz die Hütte eines Indianers und können dort Zielschießen mit einem Blasrohr versuchen. Enricé macht uns auf dem Weg auch auf einige Besonderheiten der heimischen Tier- und Pflanzenwelt aufmerksam, z.B. auf die bedrohlich aussehenden Blattschneider-Ameisen und auf Pflanzensäfte, die blutstillend wirken.

Vor uns erhebt sich in der Ferne schon der grandiose Tafelberg Auyán, dem wir uns nach dem erneuten Besteigen der Boote weiter nähern. Nach einer weiteren Badepause an einer kleinen Kaskade erreichen wir am späten Nachmittag die Isla Orchidea und kurz danach die Einmündung des Flusses Churun, der vom Angel-Fall gespeist wird. Ganz in der Nähe liegt auch das Camp Ahonda. In diesem einfachen Camp werden wir die folgenden zwei Nächte in Hängematten übernachten. Eine kleine Gruppe von Pemón betreibt die Gemeinschaftsunterkunft und bereitet auch das Essen für die Gruppe zu. Es gibt sogar fließendes kaltes Wasser, aber wer will, kann sich auch im Fluß mit biologisch abbaubarer Seife waschen. Der Naturschutz wird hier sehr ernst genommen.

Der Abend wird feuchtfröhlich, da wir unseren mitgebrachten Rum-Vorrat kreisen lassen. Leicht angeheitert verschwinden nach und nach alle in den großen, bequemen Hängematten und jeder versucht, die für sich geeignete Schlafposition zu finden. Bald wird es ruhig, und die frische Luft und die angenehme Nachttemperatur läßt uns bald einschlummern. Mitten in der Nacht bekommen wir allerdings Besuch von einem halbwilden Rehbock, der Simones und meinen nächtlichen Toilettenbesuch recht aufregend werden läßt, da das blöde Vieh die unangenehme Eigenschaft hat, mit vollem Anlauf seine Hörner gegen mein Schienbein zu stoßen! Offensichtlich verwechselt mich das Tier mit einem Rivalen. Jedenfalls habe ich seitdem gehörigen Respekt vor solch harmlos aussehenden Tieren!


5. Tag: Auyán-Tepui / Salto Angel



Dieser Tag stellt für mich den Höhepunkt unserer ganzen Venezuela-Reise dar: die Expedition zum Salto Angel, dem höchsten Wasserfall der Erde. Am frühen Morgen brechen wir mit zwei kleineren Flußbooten zum Churun-Fluß auf. Wegen des niedrigen Wasserstands jetzt am Beginn der Trockenzeit bleiben wir allerdings immer wieder in flachen Flußbett stecken und müssen aussteigen, um das Boot über das jeweilige Hindernis zu schieben. Bald sind wir zwar klatschnaß, aber es macht einfach Spaß. Ein bißchen Adventure-Feeling gehört ja schließlich dazu! Wir bewundern auch sehr die Geschicklichkeit der Bootsführer, die es immer wieder schaffen, die meisten Sand- und Kiesbänke geschickt zu umfahren, selbst wenn die Fahrrinne nur ein Meter breit ist. Leichte Stromschnellen werden mit der Kraft unserer Außenbordmotoren stromaufwärts überwunden.

Fast drei Stunden lang folgen wir dem Verlauf des Flusses. Die Landschaft um uns herum ist unglaublich faszinierend. Dichter Urwald umgibt uns, gewaltige Felsbrocken ragen aus dem Wasser und über allem thront das gewaltigen Massiv des Auyán-Tafelbergs. Fast erdrückend wirken die senkrecht aufragenden Felswände, als wir immer tiefer in die Teufelsschlucht hineinfahren. Das Flußbett wird immer schmaler, bis wir schließlich an eine Stelle gelangen, wo große Felsen nur einen engen Kanal zur Durchfahrt lassen. Die Strömung ist so stark und der Raum zum Manövrieren so gering, daß unsere beiden Boote fast eine halbe Stunde benötigen, bis das Hindernis hinter uns liegt. Kurz danach legen wir an einer kleinen Insel im Fluß an, wo sich ein kleines Rastlager befindet. Von hier aus müssen wir erst noch einen einstündigen Marsch bergauf durch den Dschungel hinter uns bringen, am Ende noch einen kleinen Hang erklettern und dann liegt der Lohn unserer Mühe endlich vor uns: der Angel-Fall. Der Fluß Churun stürzt hier vom Plateau des Tafelbergs fast 1000 m im freien Fall herab. Nach einer Vielzahl weiterer stufenförmiger Kaskaden bildet das Wasser einen tiefen Teich, in dem es sich fabelhaft schwimmen läßt, vorausgesetzt, das eiskalte Wasser schreckt einen nicht zu sehr ab.



Nach dem schweißtreibenden Aufstieg ist uns diese Abkühlung jedenfalls sehr willkommen. Außerdem: wo kann man schon am Fuße eines 1 km hohen Wasserfalls baden? Noch dazu in einer so wilden und unberührten Landschaft. Allein dieses Erlebnis ist die ganze Reise wert!

Erfrischt wandern wir wieder zurück zum Rastlager. Unterwegs haben wir noch die Möglichkeit, wie Tarzan an einer Liane zu schwingen. Das ist gar nicht so einfach, wie es aussieht! Zum Mittagessen gibt es mal wieder gegrillte Hähnchen. Das scheint das Standardgericht der Pemón-Indianer zu sein, zumindest für Touristen. Aber es schmeckt lecker. Und so weit entfernt von der übrigen Zivilisation ist das schließlich reiner Luxus, nicht wahr?

Die Fahrt zurück nach Ahonda ist dann stromabwärts nach zweieinhalb Stunden geschafft. Selbstverständlich müssen wir wieder ebenso oft aus dem Boot springen und schieben. Die Engstelle, die uns bei der Hinfahrt so große Schwierigkeiten gemacht hat, umgehen wir diesmal zu Fuß. In Ahonda angekommen sind wir am Ende ziemlich geschafft von der anstrengenden Tour. Besonders das stundenlange Knien in den kleinen Booten belastet die Knochen ganz schön.

Nach dem Abendessen (es gibt Nudeln) liegen dann auch fast alle schon kurz nach Sonnenuntergang in ihren Hängematten und schlafen tief und fest. So müde sind Simone, Christoph und ich zwar noch nicht, aber nach einem Schlummertrunk bleibt uns auch nichts anderes übrig, als uns dazu zu gesellen.


6. Tag: Canaima / Los Roques



Am nächsten Morgen packen wir unsere Sachen wieder in die Boote und lassen den mächtigen Auyán-Tafelberg hinter uns. Die Stromschnellen des Rio Carrao durchfahren wir diesmal stromabwärts, was allen einen Riesenspaß macht. Kurz vor Canaima stoppen wir und besuchen ein kleines Dorf der Pemón. Wir lassen uns herumführen und probieren selbstgebrautes Indianerbier, das in einem großen Kessel erhitzt wird und so ähnlich aussieht und schmeckt wie Haferbrei, nur etwas herber.

Interessant ist auch die Umgebung des Dorfes und die tropischen Tiere und Pflanzen. Ananas-Stauden wachsen hier wild, und grüne Papageien fliegen über unsere Köpfe. Nachdem einige von uns sich mit diversen Souvenirs (Blasrohre, etc.) eingedeckt haben, fahren wir weiter zu den Wasserfällen von Canaima. Ein kurzer Fußmarsch bringt uns zum Salto El Sapo („Frosch-Wasserfall“), unter dem man auf einem schmalen Pfad durchgehen kann. Natürlich haben wir alle Badesachen an, denn stellenweise kommen wir uns vor wie unter einer starken Dusche. Das herabstürzende Wasser hat eine gewaltige Kraft! Zur Sicherheit können wir uns an den schwierigeren Stellen an einem Seil festhalten, damit wir auf dem glitschigen Pfad nicht abrutschen und 15 m tiefer in den Wassermassen verschwinden.

Da wir nun ohnehin klatschnaß sind, gehen wir kurz darauf in der Lagune von Canaima schwimmen. Am Ufer der Lagune gibt es sogar einen breiten Sandstrand, dessen heller Sand einen starken Kontrast zum schwarzen Wasser bildet. Ich schwimme mit Simone dicht an die breiten Wasserfälle heran und sauge das unbeschreibliche Panorama in mich auf. Vor der Naturgewalt der herabstürzenden Wassermassen hat man einfach einen enormen Respekt.

Nach einer letzten Bootsfahrt über die Lagune, vorbei an den Hacha-Wasserfällen, gibt es Mittagessen am Lagerfeuer. Der immer dichter werdenden Wolkendecke und dem nahenden Regen entfliehen wir mit dem Propellerflugzeug zurück nach Porlamar. Auf dem Flughafen der Urlaubsinsel steigen wir am Nachmittag in eine andere Maschine um, die uns zum Inselarchipel und Nationalpark Los Roques bringt. Rechtzeitig zum Bestaunen des Sonnenuntergangs landen wir auf der Hauptinsel Gran Roque, die als einzige von den 47 kleinen Inseln, die das Archipel bilden, bewohnt wird. Das kleine Fischerdorf auf Gran Roque gefällt uns auf Anhieb mit seinen bunten Häuschen. Wir beziehen unser Gästehaus und treffen uns am Abend gemeinsam zum Essen direkt am Strand. Später machen wir noch einen Spaziergang durchs Dorf und genießen die milde Meeresluft und den Sternenhimmel.


7. Tag: Los Roques



Bei Tageslicht können wir unsere Karibikinsel zum ersten Mal richtig betrachten. Das Meer ist türkisblau und sieht wirklich sehr verlockend aus. Auf einigen kleinen Booten, die vor dem Strand im ruhigen Wasser treiben, haben es sich ganze Gruppen von Pelikanen bequem gemacht. Wir werden den ganzen Tag auf einem großen Segelkatamaran verbringen und einen Ausflug durch die Inselwelt machen. So ein Tag zum Entspannen muß ja schließlich auch mal sein!

Nach dem Frühstück stechen wir in See und fahren in die Nähe einer unbewohnten Insel zum Schnorcheln. Das Inselarchipel hat eine bunte Unterwasserwelt mit vielen Korallenriffen aufzuweisen. Allerdings stehen die schönsten Riffe unter strengem Naturschutz, so daß wir nur an weniger interessanten Stellen mit Taucherbrille, Schnorchel und Flossen ausgestattet das Meeresleben bewundern können. Die Sicht ist durch das unruhiger werdende Wasser etwas getrübt, aber ein paar große Barrakudas und einige Korallenfische bekommen wir nach einiger Zeit dann doch zu sehen. Aber die Möglichkeiten zum Schnorcheln in Los Roques sind nicht mit den Malediven oder mit dem Roten Meer zu vergleichen. Nach einiger Zeit zerstreut sich die Gruppe der Schnorchler in alle Richtungen. Ich bleibe in der Nähe von Christoph, der zum ersten Mal schnorchelt, und verliere bald auch Simone aus der Sichtweite. Wir entfernen uns ein gutes Stück vom Katamaran, doch da wir nichts spektakuläres mehr entdecken, kehren wir nach einiger Zeit zum Boot zurück. Dort treffen wir Simone völlig erschöpft und fix und fertig mit den Nerven an. Sie hat den Anschluß an die Gruppe verloren und alleine in einiger Entfernung vom Boot Panik bekommen. Der Wellengang hat ihr dabei zusätzlich zu schaffen gemacht, so daß sie wirklich nur noch mit den letzten Kräften den rettenden Katamaran erreicht hat. Etwas betroffen beruhigen wir Simone, die vom Schnorcheln zunächst mal die Nase voll hat.

Zum Mittagessen steuert das Boot den herrlich weißen Sandstrand einer kleinen Insel an. Dort gönnen wir drei uns uns herrlich schmeckende, frisch gefangene Langusten, eine Spezialität von Los Roques. Den Rest des Nachmittags vertreiben wir uns die Zeit in aller Ruhe mit Schwimmen im kristallklaren Wasser, Kajak fahren und Sonnen.

Wieder zurück auf der Hauptinsel steige ich mit Christoph und Uli auf den höchsten Hügel von Gran Roque, auf dem ein alter verfallener Leuchtturm steht, um von dort den Sonnenuntergang zu betrachten. Das 360°-Panorama von dort ist beeindruckend und man überblickt die gesamte Insel. Nachdem die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist, leuchtet uns der helle Vollmond den Weg zurück zum Fischerdorf.

Am letzten Abend unserer ersten Rundreise sitzen wir dann noch zusammen mit der Gruppe beim Essen und schauen uns anschließend noch die Vorbereitungen der Einwohner von Gran Roque zur Weihnachtsfeier an. In Venezuela wird die Nacht vor Heiligabend etwa so ähnlich gefeiert wie in Deutschland Silvester. Mit Tanz und ohrenbetäubender Musik wird die Nacht zum Tag, und die südamerikanische und karibische Lebensfreude scheint sich hier auf Los Roques lautstark zu vereinigen. Wir bekommen jedenfalls in dieser Nacht kein Auge mehr zu. Zu dumm, daß wir am nächsten Morgen in aller Frühe schon wieder abfliegen müssen.


8. Tag: Porlamar / Isla de Margarita


Ziemlich müde fliegen wir am nächsten Tag zurück zur Isla Margaritha. Auf dem Flughafen von Porlamar verabschieden wir uns von den Teilnehmern der Reisegruppe, die teilweise ihren restlichen Urlaub auf der Isla Margaritha verbringen, teilweise auch nach Deutschland zurück fliegen. Wir beneiden keinen von ihnen und freuen uns schon auf unsere nächste Rundreise.

Wir werden mit einem Kleinbus zu unserem Stadthotel gebracht, wo wir uns am Abend mit der nächsten Reisegruppe treffen werden. Christoph hat ein paar Probleme im Magen-Darm-Bereich und verschwindet den Rest des Tages in seinem Zimmer, während ich mit Simone durch Porlamar bummeln gehe. Die ganze Stadt ist auf den Tourismus ausgerichtet. Es gibt zahlreiche moderne Einkaufspassagen, Cafés, Schnellrestaurants und Banken. Zuviel Trubel für uns. Wir können es uns jedenfalls kaum vorstellen, in einem der überfüllten Strandhotels der Insel eine ganze Woche zu verbringen. Zumal die Strände und die übrige Landschaften der Insel nicht gerade zu den schönsten gehören, die wir bisher gesehen haben. Dann lieber wieder in die wunderschöne Wildnis des Inlands von Venezuela!

Am Abend versammeln wir uns mit den neun anderen Teilnehmern der nächsten Rundreise im Foyer des Hotels. Unser neuer Reiseleiter Dieter ist ein deutschstämmiger Venezolaner, der uns zwar dem ersten Eindruck nach nicht gerade begeistert, der sich bei näherem Kennenlernen aber als sehr hilfsbereiter und netter Kumpel herausstellt.


9. Tag: El Pauji



Eine Propellermaschine der LTA fliegt uns am nächsten Morgen in den einsamen Südosten Venezuelas, in die Nähe der Grenze zum Nachbarland Brasilien. Bei der Landung ist von einem Flugplatz weit und breit nichts zu sehen. Doch dann erkennen wir eine kleine Landepiste, die aus rötlichem Staub und Schotter besteht, mitten in der unberührten Landschaft gelegen. Das Flugzeug setzt auf, und wir steigen begleitet vom Gespött der weiterfliegenden Passagiere mit unserem Gepäck aus. Als die Maschine wieder abhebt und uns zurückläßt, fragen wir uns, wo wir gelandet sind, denn weit und breit ist nicht mal ein Gebäude zu sehen.

Aber eine halbe Stunde später tauchen 2 Geländewagen auf, und wir lernen unsere beiden verrückten Fahrer, zwei junge Venezolaner namens Rodrigo und Fernando, kennen. Verrückt deshalb, weil die beiden einen schier unglaublichen Fahrstil drauf haben und es lieben, selbst auf übelsten Pisten Wettrennen zu veranstalten. Aber beide beherrschen ihre Geländefahrzeuge extrem gut.

Man fährt uns nach El Pauji, einer kleinen Ansiedlung, in der sich Aussteiger aus Venezuela und anderen Ländern angesiedelt haben, um ein Leben fernab der übrigen Zivilisation zu führen. Im einfachen Pauji-Camp, eine auf einem Hügel gelegene Ansammlung kleiner Übernachtungshütten, machen wir die Bekanntschaft mit einem Haustier der besonderen Art: einem zahmen Ozelot. Die kleine Raubkatze ist sehr verspielt und liebt offenbar Schnürsenkel. Trotz ihrer relativ geringen Größe sind ihre Krallen nicht zu unterschätzen, wie wir sehr bald feststellen.



Am Mittag machen wir mit der Gruppe eine kleine Wanderung über einen steilen Pfad zu den schönen Wasserfällen in der Nähe des Dorfes. Es ist wunderbar erfrischend sich unter einen Wasserfall zu stellen und eine kräftige Dusche zu nehmen. Auf dem Weg begegnen wir auch einigen Goldsuchern, die im Sand der Flüsse mit einfachsten Mitteln versuchen Goldstaub und kleine Nuggets zu finden.

Wieder zurück in El Pauji besuchen wir einen der Einwohner des Ortes, der uns eine kleine Sammlung lebender Tiere wie Gift- und Würgeschlangen, Vogelspinnen und bunte Ara-Papageien vorführt. Danach werden wir von unserem örtlichen Begleiter Kike zu einem Boccia-Spiel herausgefordert, das wir auch glatt verlieren. Die Jungs hier haben eben schon echt Übung.

Auf der Rückfahrt zum Camp machen wir noch einen Abstecher zu einem kleinen Felsenpool, in den ein Wasserfall herabstürzt. Dort haben wir die Möglichkeit aus ca. 8 m Höhe ins dunkle Wasser zu springen. Nachdem Kike zuerst gesprungen ist, trauen einer unserer Mitreisenden und ich mich ebenfalls. Obwohl wir mit den Füßen auf dem Grund des Pools aufkommen, macht es so viel Spaß, daß wir den Sprung gerade noch mal wiederholen. Wenn das Wasser nur nicht so kalt wäre...

Am Abend feiern wir im Pauji-Camp gemütlich mit Rum, Cola und Bier den Heiligabend und haben eine Menge Spaß zusammen.


10. Tag: El Pauji



Heute besuchen wir ein größeres Dorf der Pemón-Indianer am Rio Waiparú mitten im Urwald. Den ersten Teil des Weges legen wir mit den beiden Geländefahrzeugen zurück. Die Pisten, die wir dabei befahren müssen, kann man nur als abenteuerlich bezeichnen. Stellenweise sind metertiefe Rillen und Löcher aus der Piste gewaschen worden, und wir kommen fast nur im Schrittempo vorwärts. Nach ca. 2 Stunden auf der holprigen Strecke sind wir so durchgeschüttelt worden, daß wir fast jeden Knochen spüren!

Nach einer kleinen Pause mit kalten Getränken, die wir immer griffbereit in einer Kühlbox auf dem Dach unseres Jeeps lagern, brechen wir zu einem kleinen Fußmarsch in den Dschungel auf, der uns hinab zum Fluß führt. Dort angekommen erleben wir mal wieder ein Paradebeispiel venezolanischer Zuverlässigkeit. Das Boot, das uns abholen und zum Dorf bringen soll, erscheint nicht. Dieter vermutet, daß der Bootsführer gestern Nacht wohl getrunken und das Treffen schlicht und einfach vergessen hat. Also müssen wir eben zu Fuß in das ca. 13 km entfernte Indianerdorf wandern. Ein schmaler Pfad führt durch den dichten Urwald. Unser Reiseleiter kennt den exakten Weg nicht, aber unser Fahrer Fernando übernimmt die Führung. Nach einer halben Stunde kommen wir zu einer kleinen Pemón-Ansiedlung. Dort müssen wir an das andere Ufer des Flusses gelangen, denn der Pfad führt dort weiter. Fernando kann einen der Pemón mit einem kleinen Trinkgeld überzeugen, uns mit seinem Einbaum paarweise ans andere Ufer überzusetzen. Wir setzen unseren Weg fort und folgen dem schmalen Pfad bergauf und bergab, manchmal über als Brücken dienende Baumstämme hinweg, bis wir nach ca. 2 Stunden zu einer Wegverzweigung kommen. Nun ist sich auch Fernando nicht mehr ganz sicher, wie es weitergeht. Er versichert uns jedoch, daß es nicht mehr sehr weit sein kann. Im Urwald ist die Sichtweite natürlich arg eingeschränkt. Deshalb folgen wir auf gut Glück einem der Pfade und nach einer weiteren Stunde Marsch kommen wir auf eine Lichtung, die durch einen Brand gerodet wurde. Ein sicheres Anzeichen für Pemón-Indianer, denn die sind dafür bekannt, gerne mit dem Feuer zu spielen und hin und wieder einen Teil der Landschaft abzubrennen. Und tatsächlich erreichen wir kurze Zeit später unser Ziel, das Dorf Buena Vista de Uaiparú. Gerade noch rechtzeitig, denn kurze Zeit später kommt es zu einem gewaltigen Regenschauer, den wir nun aber im Schutz eines Unterstands gelassen abwarten können. Man hat uns schon erwartet (immerhin!) und tischt uns ein leckeres Essen auf.



Nachdem der Regen wieder nachgelassen hat, haben wir die Gelegenheit das gepflegte Dorf genauer anzuschauen. Man merkt relativ schnell, daß hier regelmäßig Touristen zu Besuch kommen. Die Einnahmen dadurch sorgen natürlich auch für einen geringen Wohlstand. Die Lage des Dorfes oberhalb des Flusses ist auch wirklich sehr schön.

Den langen Rückmarsch erspart man uns zum Glück. Mit zwei motorisierten Langbooten werden wir über etliche Flußwindungen zu unserem Ausgangspunkt zurück gefahren. Eigentlich sind wir ganz froh, daß wir den Hinweg laufen mußten, denn trotz der Anstrengung war die Wanderung sehr interessant und abwechslungsreich.

Zweieinhalb Stunden später haben wir auch die schwierige Piste mit den Geländefahrzeugen hinter uns. Wir sind alle ganz schön erschöpft, als wir wieder im Pauji-Camp ankommen.


11. Tag: Brasilianische Grenze / Santa Elena



Am Morgen brechen wir nach dem Frühstück zu einer weiteren Wanderung auf. Diesmal besteigen wir einen der Tafelberge der Umgebung, dessen Südseite steil abfällt und den Blick auf die Weiten der Regenwälder bis zur Grenze Brasiliens gewährt. Die brennende Sonne bringt uns ganz schön zum Schwitzen, aber die Aussicht vom Abhang El Abismo ist die Mühe wert! So weit das Auge reicht, breitet sich der schier endlose Urwald unter uns aus. Erst am Horizont wird er von weiteren Bergketten begrenzt.

Zum Abstieg folgen wir dem Lauf eines ausgetrockneten Bachs und machen am Fuß des Berges Rast im Haus einer der Aussteigerfamilien von El Pauji. Wir werden mit frischgepreßtem Fruchtsaft bewirtet und kaufen der Eigentümerin einige handbemalte T-Shirts ab.

Mit Sack und Pack geht es anschließend mit den Jeeps weiter auf unbefestigten Straßen in Richtung Santa Elena de Uairén, dem größten Ort der Gran Sabana. Unterwegs halten wir kurz am Salto Catedral, einem kleinen Wasserfall mit einem schönen Felsenpool zum Schwimmen. Nach einer weiteren Stunde Fahrt durch die unberührte Savannenlandschaft mit ihren unterschiedlich geformten Tafelbergen erreichen wir kurz vor Santa Elena die geteerte Straße, die durch die Gran Sabana nach Brasilien führt. Da die Grenze nur 10 km entfernt liegt, machen wir einen kleinen Abstecher zum Grenzort La Linea auf brasilianischem Territorium. Der Grenzübertritt geht rasch und unkompliziert vonstatten, so daß wir kurze Zeit später in den Geschäften des Ortes herumstöbern können, um noch das eine oder andere Souvenir zu ergattern. Nach dem Genuß eines brasilianischen Bieres reisen wir wieder zu Fuß in Venezuela ein und gelangen schließlich nach Santa Elena de Uairén. Nach einem Rundgang durch die kleine Stadt und dem Besuch der Vertretung unseres örtlichen Reiseveranstalters Happy Tours, werden unsere Vorräte aufgefüllt und die Jeeps betankt.

Am späten Nachmittag kommen wir dann im außerhalb der Stadt gelegenen Yakoo-Camp an, wo wir die nächste Nacht verbringen werden. Das Camp ist relativ neu und liebevoll eingerichtet. Es wird von einem deutschen Auswanderer geführt, der eine Venezolanerin geheiratet hat. Eine besondere Attraktion des Camps ist für uns ein erst wenige Wochen alter Ameisenbär, der verwaist aufgefunden wurde. Nun versuchen die Besitzer des Yakoo-Camps das arme Tierchen aufzuziehen. Ob dies allerdings gelingt ist fraglich. Wir verlieben uns jedenfalls regelrecht in dieses schöne Jungtier, das uns mit seiner langen Zunge die Hände ableckt.

Das Abendessen nehmen wir nicht im Camp ein, sondern wir fahren gemeinsam nach Santa Elena und besuchen dort ein kleines Restaurant, wo wir gemütlich im Garten sitzen können.


12. Tag: Gran Sabana



Nach dem Frühstück brechen wir auf zu unserer Fahrt durch den Nationalpark der Gran Sabana. Natürlich verabschieden wir uns vorher von dem kleinen Ameisenbär, der heute Morgen ganz besonders munter ist.

Unser erstes Ziel sind die Quebrada de Jaspe, ein mehrere hundert Meter langes, glattes Flußbett, das vollständig aus dem roten Halbedelstein Jaspis besteht. Ein kleiner Wasserfall ergießt sich über die edlen Gesteinsstufen und produziert ein zauberhaftes Farbenspiel. Selbstverständlich wird streng darauf geachtet, daß man kein „Andenken“ in Form eines Jaspis-Stücks mitgehen läßt.

Die Landschaft auf unserem weiteren Weg ist atemberaubend: weite Grassavanne, Tafelberge im Hintergrund, dazwischen Urwälder. Schade ist nur, daß es in Südamerika im Gegensatz zu Afrika kaum größere Säugetiere gibt, die die weiten Landstriche bevölkern. Die Chance einen Jaguar oder ein Tapir zu sehen ist leider fast Null.

Aber die Gegend verzaubert uns dennoch mit ihrer einmaligen Schönheit. Dazu tragen auch die großen Wasserfälle bei, die wir nacheinander aufsuchen. Zunächst den fast 100 m hohen Kama Merú, der aus zwei Hauptfällen besteht und später den gewaltigen Chinák Merú, auch Aponguao-Fall genannt, wo der Fluß 120 m in die Tiefe stürzt. Zu letzterem müssen wir einen 3 km langen Spaziergang machen, da es nicht mehr erlaubt ist, mit einem Boot dicht oberhalb an die Fälle heranzufahren. Letztes Jahr kam es dabei zu einem tragischen Unglück, bei dem ein Boot mit mehreren Leuten den Wasserfall herabgestürzt ist.



Auf einer Schotterpiste führt die Fahrt mit den Geländewagen weiter nach Westen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir eine Hügelkuppe, von der wir eine phantastische Aussicht auf die Weite der Gran Sabana und auf zahlreiche Tafelberge haben. Nach der Pause verlassen wir die Piste und fahren nun wirklich ins Gelände. Außer einigen alten Reifenspuren ist kein Weg mehr zu erkennen. Auf dieser holprigen Strecke kommen wir nur noch sehr langsam vorwärts, so daß es schon dunkel ist, bevor wir unser nächstes Camp erreichen. Wir durchqueren kleine Flüsse, fahren Zickzack-Kurse, um größeren Steinen auszuweichen und schon sehr bald haben wir alle die Orientierung verloren. Bis auf unsere Fahrer selbstverständlich. Zumindest hoffen wir das.

Bald taucht vor uns im Scheinwerferlicht ein weiterer schmaler Fluß auf. Der Einfachheit halber steuern unsere Fahrer die Jeeps einfach ins Wasser und folgen dem Verlauf des Flußbetts. Auf diese Weise verlieren sie den Weg nicht, wie wir sehr bald bemerken, da unser nächstes Camp direkt am Fluß liegt. Ein weiterer Nebeneffekt ist, daß die vom Straßenstaub total verdreckten Fahrzeuge gleichzeitig gewaschen werden.

Schließlich kommen wir im Camp Mantopai an. Viel zu sehen bekommen wir davon allerdings nicht, denn es gibt im Camp keinen Strom. Dementsprechend ist es stockdunkel. Aber bald haben ein paar Pemón-Indianer Petroleum-Laternen angezündet, und wir können in den einfachen und sehr sauberen Hütten bei Kerzenlicht duschen. Das eiskalte Wasser der Dusche stammt direkt aus dem Fluß. Brrr...!!!

Aber das Camp hat Atmosphäre! Auf dem Weg zur „Speisehütte“ bekommen wir so ziemlich den genialsten Sternenhimmel zu sehen, den man sich vorstellen kann. Da es im Umkreis von vielen Kilometern außer ein paar Laternen keine Lichtquelle gibt, können wir das ganze helle Band der Milchstraße erkennen. Auch Sternschnuppen sehen wir zuhauf. Beeindruckend! Die Indianer, die das Camp betreiben, haben uns per Gaskocher eine schmackhafte Mahlzeit zubereitet, so daß wir gut gesättigt mitten in der Wildnis Schlafen gehen können.


13. Tag: Kavanayen



Erst am nächsten Morgen können wir das Camp Mantopai in seiner vollen Schönheit bewundern. Die Hütten sind alle aus natürlichen Materialien gebaut, die in der Umgebung zu finden sind (Bruchsteine und Ried für die Dächer). Die Lage des Camps ist einmalig. Der 2500 m hohe Sororopán-Tafelberg überragt im Hintergrund die Umgebung. Ein flacher Fluß mit glasklarem Wasser fließt unterhalb der Hütten vorbei und lädt zum Schwimmen ein.

Zunächst machen wir aber einen Ausflug mit den Jeeps zum Kloster Kavanayen. Dabei handelt es sich um eine Missionsstation der Kapuziner, die seit knapp 60 Jahren existiert. Die Hauptaufgabe der Mission ist die Unterrichtung der Kinder der benachbarten Pemón-Siedlung. Nach einer kurzen Besichtigung des Klostergebäudes besuchen wir auch die Feier des Gottesdienstes in der Kirche, die recht lebendig und mit viel Gesang abläuft.

Wieder zurück im Camp Mantopai verbringen wir den Rest des Tages am Fluß mit Sonnen, Schwimmen und Faulenzen. Besonderen Spaß macht uns eine natürliche Wasserrutsche, die durch das glatte, felsige Flußbett gebildet wird. Da heute auch der letzte Tag ist, an dem uns unsere beiden Geländewagenfahrer begleiten, vernichten wir am Abend gemeinsam mit Fernando und Rodrigo noch die Reste unseres Getränkevorrats an Bier, Cola und Rum. Spontane Partys sind immer noch die besten!


14. Tag: Kavac



Der letzte Tag unserer Rundreise ist angebrochen. Wie schnell die Zeit doch vergangen ist. Aber dafür erleben wir am Schluß noch einen landschaftlichen Höhepunkt: das Indianerdorf Kavac am Fuße des Auyán-Tafelbergs.

Um dorthin zu gelangen müssen wir zum kleinen Flugplatz Luepa fahren, denn es existiert keine Straße nach Kavac. Auf dem Weg nach Luepa treffen wir das Fahrzeug zweier Touristen an, die kein Benzin mehr haben. Selbstverständlich helfen wir ihnen und zapfen etwas Kraftstoff von unseren Jeeps ab. Am Flugplatz angekommen finden wir nur eine geteerte Start- und Landepiste vor, aber weder ein Gebäude noch ein Flugzeug. Wieder müssen wir mehr als eine Stunde warten, bis unsere kleine Cessna eintrifft. Das Propellerflugzeug kann nur max. 8 Personen transportieren. Aus diesem Grund teilen wir uns in zwei Gruppen auf und werden nacheinander zum ca. 100 km entfernten Pemón-Dorf geflogen. Der Flug in geringer Höhe über die Gran Sabana ist phantastisch. Wir haben das Glück direkt hinter dem Piloten zu sitzen und können daher die tolle Aussicht voll genießen.

Wir nähern uns dem riesigen Auyán-Tafelberg diesmal von der Ostseite. Die Landung auf der kleinen Sandpiste von Kavac verläuft problemlos. Nachdem auch der zweite Teil unserer Gruppe eine Stunde später eingetroffen ist, versammeln wir uns zum Mittagessen in der Haupthütte (es gibt mal wieder gegrillte Hähnchen!). Dort können wir auch eine konservierte Riesenvogelspinne bewundern, die von den Indianern auf dem Plateau des Berges gefunden wurde. Das furchterregende Tier hat ein Durchmesser von gut 30 cm! Auf den Tafelbergen der Gran Sabana existieren viele Pflanzen- und Tierarten, die es sonst nirgends auf der Erde gibt. Unter anderem hat man dort auch schon fußballgroße Kröten und rosa behaarte Skorpione gefunden. Noch lange sind nicht alle Tafelberge ausreichend erforscht, und es ist durchaus möglich noch weitere unbekannte Arten zu entdecken.

Nach der Mittagspause brechen wir auf zu einer interessanten und sehr feuchten Wanderung zur Schlucht von Kavac. Badekleidung ist notwendig, da wir öfters einen kleinen Fluß durchqueren müssen. Später kommen wir sogar nur noch schwimmend vorwärts. Die Schlucht ist extrem eng und sehr spektakulär. Christoph leidet etwas unter dem arg kalten Wasser. Am Ende der Schlucht befindet sich eine nach oben offene Grotte, in die ein rauschender Wasserfall herabstürzt. Wegen der Nässe und der Kälte verweilen wir aber nicht allzu lange dort. Auf dem Rückweg nehmen wir einen anderen Pfad über einen kleinen Hügel hinweg, an einem weiteren schönen Wasserfall vorbei, und kommen schließlich wieder von Sonne und Luft getrocknet im Dorf an.

Über dem Dorf kreisen Adler, und kleine freche Papageien sitzen auf den Dächern. Die Gegend hier ist wirklich ein Naturparadies. Auch wenn der Besuch der Gran Sabana nicht gerade ein billiges Vergnügen ist; meiner Meinung nach ist es das Geld wert. Solange die Indianer vom Tourismus leben und dadurch das Gebiet streng schützen können, ist das auch eine gute Sache. Schade, daß wir nicht noch länger bleiben können.



Aus organisatorischen Gründen müssen Simone, Christoph und ich uns an diesem Abend schon vom Rest der Reisegruppe verabschieden, die noch eine Nacht in Kavac verbringt. Wir drei werden mit einer kleinen einmotorigen Cessna zurück nach Porlamar geflogen, wo wir ein letztes Mal vor dem Abflug nach Deutschland im Stadthotel übernachten.


15. Tag: Porlamar / Isla de Margarita


Am späten Vormittag werden wir nach einem kurzen Stadtbummel wieder vom Hotel abgeholt und zum Flughafen gefahren. Dort herrscht das reine Chaos. Hunderte Pauschalurlauber warten dort schon in der Abflughalle mit ihrem Gepäck. Die Stimmung ist gereizt, da nur ein oder zwei Schalter geöffnet sind. Und wie man das von deutschen Strandurlaubern so gewohnt ist, will jeder vordrängeln und aus der Reihe tanzen, frei nach dem Motto: nach mir die Sintflut. Es ist zum k...!!! Wir tun uns das nicht an und verlassen das Gebäude, um uns die Zeit im leeren und ruhigen Nachbargebäude der Ankunft zu vertreiben.

Eine knappe Stunde vor Ankunft der Chartermaschine kehren wir dann in die Abflughalle zurück und können in aller Ruhe einchecken. Unsere Sitzplätze haben wir ohnehin schon vorher reserviert. Da das Flugzeug Verspätung hat, müssen wir leider noch eine ganze Zeit lang in der nichtklimatisierten Wartehalle mit all den nervenden Touristen bei ca. 35°C Hitze verbringen.

Wir sind schließlich heilfroh, als wir endlich im Flieger sitzen und von dieser schrecklichen Ferieninsel abheben. Im Flugzeug gilt dann wieder mitteleuropäische Zeit und bald nach dem Start wird per Lautsprecher bekanntgegeben, daß in Deutschland gerade das neue Jahr gefeiert wird. Wir bekommen sogar alle ein Gläschen Sekt spendiert. Was wir allerdings kaum fassen können, ist die Tatsache, daß einige Urlauber die Flugbegleiter fragen, ob sie Knallkörper im Flieger zünden dürfen!


16. Tag: Ankunft in Deutschland


Nach unserer ersten recht ruhigen Silvesterfeier in der Luft landen wir am frühen Morgen in Düsseldorf. Die Außentemperatur bei unserer Landung beträgt stolze –18°C, alles ist tief verschneit und während unserer dreistündigen Busfahrt nach Frankfurt wünschen wir uns wieder in die Wärme Venezuelas zurück.

- E N D E -

Mario Anthes
E-Mail: anthes@iafrica.com

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