Text & Fotos: Mario Anthes
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2. März 2009
Wie es sich gehört, beginnt der Tag mit strahlendem Sonnenschein! Heute scheint es richtig heiß zu werden, denn schon um 9 Uhr morgens zeigt das Außenthermometer 27°C an.
Wir packen unsere Wanderrucksäcke und das übrige Gepäck in den Wagen und fahren zum für Wanderer reservierten Parkplatz am Eingangstor des Nationalparks. Seit ein paar Jahren beginnt der Otter Trail nicht mehr unten an der Küste, sondern auf dem ca. 200 Meter höher gelegenen Küstenplateau, so dass die ersten anderthalb Kilometer den Hang hinab durch den Urwald führen.
Nach dem Einchecken für die Wanderung an der Rezeption begeben wir uns in die sog. "Otter Hut", einem Holzhaus mit einem Aufenthaltsraum, WC und Duschen. Dort schauen wir uns zunächst einen knapp einstündigen, recht interessanten Videofilm über den Otter Trail an. Darin wird die Tier- und Pflanzenwelt des Tsitsikamma-Nationalparks beschrieben, sowie die einzelnen Etappen der Wanderung inkl. der zu erwartenden Flussüberquerungen. Simone schaut sich das Video daher nicht mit an. Sie will sich nicht schon im Vorfeld verrückt machen wegen der Hauptschwierigkeit auf dem Otter Trail: die berüchtigte Überquerung des Bloukrans River.
Das Video ist in dieser Hinsicht auch eher abschreckend. Die Wandergruppe im Film hatte wegen eines Sturmes am Tag zuvor mit rauen Bedingungen an der Flussmündung des Bloukrans zu kämpfen. Trotz Niedrigwasser benötigte die Gruppe mit ihren in wasserdichte Beutel verpackten Rucksäcken sage und schreibe 3 volle Stunden für die Überquerung! Dabei sind zum Teil Ausrüstungsgegenstände verloren gegangen und es kam bei einem Gruppenmitglied zu leichten Verletzungen. Am Ende waren die Wanderer derart erschöpft und so spät dran, dass sie die letzten 4 km zur nächsten Übernachtungshütte mit Taschenlampen im Dunkeln zurück legen mussten.
Gut, dass Simone das nicht gesehen hat, denke ich mir. Sie würde sich sicher die ganze Zeit über während der Wanderung nur noch darüber Gedanken machen. Dass man im Video eine eher problematische Flussüberquerung gezeigt hat, soll wohl als Warnung dienen, die Bloukrans-Überquerung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Bei ungünstigen Bedingungen handelt es sich dabei um einen durchaus gefährliches Vorhaben, bei dem es in der Vergangenheit vereinzelt leider schon zu Todesfällen durch Ertrinken gekommen ist. Immerhin haben wir die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände dabei (Survival Bags, also wasserdichte Plastiksäcke für unsere Rucksäcke, und ein 20m langes Nylonseil). Außerdem können wir alle drei mehr oder weniger gut schwimmen. Wird schon alles gut gehen!
In der "Otter Hut" lernen wir drei der anderen Otter-Trail-Wanderer kennen, die wenige Minuten nach uns dort eintreffen. Es handelt sich um Helen, Maria und Dawn, drei recht sportlich anmutende Damen aus Johannesburg, allesamt schon in den Fünfzigern.
Am späten Vormittag wollen wir die relativ kurze erste Etappe der Wanderung (nur knapp 5 km Wegstrecke) beginnen. Wir sind gerade dabei unsere Rucksäcke aufzusetzen, als ein Kleinbus auf dem Parkplatz vorfährt und 10 Personen mit Wanderausrüstung aussteigen. Es handelt sich um eine europäische Reisegruppe. Deren Reiseleiter sieht uns erstaunt an und fragt, ob wir den Dolphin Trail laufen möchten (eine kürzerer und wesentlich komfortablerer Trail, der östlich der Hängebrücke über dem Storms River beginnt).
Wir entgegnen: "Nein, wir beginnen heute mit dem Otter Trail."
Er wird bleich und antwortet: "Das kann nicht sein, WIR haben den Otter Trail exklusiv für unsere Reisegruppe gebucht."
Da auf dem Otter Trail pro Tag maximal nur 12 Personen zugelassen werden (mehr können in den Hütten unterwegs auch nicht übernachten), stehen wir also nun vor einem Problem. Mit Gabi, Simone und mir und den drei Johannesburgerinnen sind wir ja schon zu sechst.
Also laufen wir gemeinsam mit dem Reiseleiter der Gruppe zurück zur Rezeption und versuchen die Sache aufzuklären. Irgendetwas muss wohl bei deren oder unserer Buchung schief gelaufen sein.
Nach kurzer Zeit ist aber alles aufgeklärt und wir können erleichtert unsere Wanderung beginnen. Bei der Buchung der Reisegruppe ist offensichtlich ein Fehler passiert. Die Gruppe kann erst am nächsten Tag losgehen, da sie sich um einen Tag vertan haben. So etwas muss ganz schön frustrierend sein.
Also laufen wir um ca. 10:30 Uhr los. Die drei johannesburger Mädels folgen uns kurz danach, aber das sie etwas langsamer unterwegs sind, bleiben sie bald hinter uns zurück. Der erste Teil des Pfades führt durch dichten Urwald, vorbei an Baumfarnen und Gelbholz-Bäumen, sowie zahlreichen anderen einheimischen Pflanzenarten.



Sehr bald beginnt der Waldpfad steil hinabzusteigen. Das Rauschen der Meeresbrandung ist mit jedem Schritt deutlicher zu vernehmen. Schließlich taucht vor uns die felsige Küste des Indischen Ozeans auf, ganz in der Nähe der Guano-Höhle, zu der Gabi und ich am gestrigen Tag schon über den Küstenweg gewandert sind.

Das erste Stück der Wanderung war recht angenehm zu laufen, allerdings belasten uns die schweren Rucksäcke nicht unerheblich. Mein voll gepackter Rucksack wiegt jetzt zu Beginn fast 20 kg. Außer dem Essen für die 5 Tage enthält er unsere dünnen Schlafsäcke, Ausrüstungsgegenstände wie Seil, Messer, Töpfe und Geschirr, Gaskocher mit Ersatzkartuschen, die Survival Bags, Regenjacken und -Ponchos, und noch andere Kleinigkeiten wie Insekten- und Sonnenschutzmittel, 2.5 Liter Wasserflaschen, Kamera, Trekkingsandalen, Toilettenpapier, Handtücher, usw.
Simone schleppt unsere Klamotten, Trinkwasser und Müsliriegel für unterwegs, sowie Duschzeug und die Reiseapotheke. Alles zusammen schätzungsweise 10 bis 11 kg an Gewicht. Gabi liegt mit ihrer Tragelast sogar noch etwas darüber. Mein Vorteil: während bei Gabi und Simone das Gewicht der Rucksäcke die nächsten Tage in etwa gleich bleibt, nimmt meines jeden Tag etwas ab (wenn die Nahrungsmittel nach und nach aufgebraucht werden), so dass ich am letzten Tag vermutlich "nur" noch knapp 14 kg zu tragen habe.

Nach einer kurzen Pause an der Höhle folgen wir dem Weg an der Küste entlang über unebenes Gelände und große Felsbrocken. Man glaubt kaum, wie beschwerlich dies mit soviel Gewicht auf dem Rücken sein kann. Zum Glück führt der Pfad immer wieder in schattige Waldabschnitte, so dass wir nicht die ganze Zeit über in der prallen Sonne laufen müssen.


An dieser Aloe hängt das aus Blättern und Spinnfäden gewobene Nest einer Rain-Spider. Solche Nester finden wir manchmal auch bei uns zuhause in Kapstadt im Garten, inkl. der dazu gehörigen, handtellergroßen Spinnen. Diese sind aber für Menschen recht harmlos.

Gegen Mittag erreichen wir den Wasserfall, unter dem sich ein schöner Pool gebildet hat; ein idealer Süßwasser-Badeplatz direkt am Meer.

Hier sind wir zwar nicht ganz alleine, da auch einige Touristen vom Nationalpark-Restcamp hierher gewandert sind, aber da wir Badesachen dabei haben, steht dem Schwimmen gehen nichts im Wege.

Das Wasser ist echt kühl, aber in der Hitze des heutigen Tages ist dieses willkommene Bad einfach herrlich!

Wir lassen uns und unsere Badesachen bei einer längeren Mittagspause wieder völlig von der Sonne trocknen, bevor wir unseren Weg fortsetzen.

Ab hier dürfen nur noch Otter-Trail-Wanderer weiterlaufen. Passend dazu steigt der weiterführende Pfad erst mal steil an.
Von der erfrischenden Badepause zunächst noch ganz entspannt, sind wir 10 Minuten später schon wieder nassgeschwitzt.
Die Sonne knallt in der Mittagszeit erbarmungslos vom Himmel. Daher sind wir überhaupt nicht unglücklich darüber, als der Pfad ein Stück weiter in den schattigen Wald eintaucht.


Schon eine knappe halbe Stunde später taucht vor uns unversehens die erste der beiden Übernachtungshütten (Ngubu Huts) auf.
Beide Hütten befinden sich ein gutes Stück weit auseinander gelegen, unmittelbar am Rand des Küstenurwalds.

Von den Hütten aus kann man direkt den Blick auf das Meer genießen. Dies gilt sogar für die Toilette, die sich in einem Extra-Häuschen einige dutzend Meter abseits befindet. Vom erhöhten Toilettensitz aus kann man durch eine große Glasscheibe nach außen schauen. Keine Sorge, von außen gesehen ist das Glas undurchsichtig. Man hat offensichtlich wirklich an alles gedacht.
Die Übernachtungshütten sind spartanisch eingerichtet. Neben den beiden 3er-Etagenbetten existieren noch zwei Sitzbänke und eine tischähnliche Arbeitsplatte, die zum Kochen und als Ablage dient.

Außerdem gibt es noch für beide Hütten gemeinsam einen überdachten Grillplatz, sowie jeweils eine Feuerstelle mit Sitzbänken und, was uns besonders erfreut, jeweils einen außerhalb der Hütte angebrachten Wasserhahn. Das Wasser daraus stammt aus einem nahegelegenen Bach oder Reservoirs. Grundsätzlich handelt es sich dabei um Trinkwasser, auch wenn es, wie in vielen Flüssen in dieser Region üblich, durch Tanninsäure leicht braun gefärbt ist. Dabei handelt es sich um ein natürliches Phänomen, das von den Wurzeln der Fynbos-Vegetation hervorgerufen wird. Zur Sicherheit verwenden wir trotzdem Wasser-Entkeimungstabletten (von Mikropur), die glücklicherweise keinen unangenehmen Beigeschmack hinterlassen.
Die Lage und die Umgebung der Ngubu-Hütten ist außerordentlich schön. Wir fühlen uns völlig alleine inmitten der Natur. Ein kleiner Pfad führt von den Hütten zu einer felsigen Meeresbucht.

Kurze Zeit später treffen auch die drei Mädels aus Johannesburg ein. Da wir uns schon kennen gelernt haben, beschließen wir gemeinsam eine Hütte zu bewohnen.
Der Rest des Tages dient zum Relaxen und dem Erkunden der Umgebung (wobei wir sogar noch eine etwas versteckt gelegene Kaltwasserdusche entdecken). Am frühen Abend ziehen einige Wolken auf. In der Ferne blitzt und donnert es ein paar Mal, aber außer ein paar vereinzelten Tropfen kriegen wir davon nichts weiter ab. Kurze Zeit später ist der Himmel auch schon wieder klar.
Zum Abendessen entzünden wir ein Lagerfeuer und essen die gegrillten Reste vom Vortag, dazu noch Brot und Käse. Zur Feier des Tages habe ich sogar einen halben Liter Rotwein in einem Tetra-Pak mitgenommen, den ich mir mit Gabi teile (Simone ist ja nach wie vor kein Weintrinker).
Den ganzen Abend über warten wir auf die Ankunft der fehlenden 6 Wanderer, die ebenfalls den Otter Trail gebucht haben, aber niemand taucht mehr auf. Dies ist uns völlig unverständlich, da man uns an der Rezeption noch mitgeteilt hatte, dass an diesem Tag bereits eine Gruppe von 6 Leuten schon vor uns losgewandert sei. Die zweite Hütte bleibt jedenfalls auch nach Einbruch der Dunkelheit noch leer. Eigentlich hätten Simone, Gabi und ich in diese ungenutzte Hütte umziehen können, aber wir haben keine Lust mehr alle unsere Sachen wieder in die Rucksäcke einzupacken und zur anderen Hütte zu schleppen. Also verbringen wir die erste Nacht zu sechst in einer Hütte.
Anfangs bereitet mir das Einschlafen Probleme, irgendwann gegen Morgen gelingt es mir dann aber doch. Die relativ harten Matratzen sind nicht schlecht, ganz im Gegenteil. Unsere leichten Fleece-Schlafsäcke sind auch warm genug für die laue Sommernacht. Trotzdem ist es für uns zunächst erst einmal ungewohnt in den Etagenbetten zu schlafen. Wegen der potentiellen Gefahr, dass Paviane oder andere Tiere unbefugt in die Hütte eindringen, halten wir Türe und Fenster in der Nacht weitgehend geschlossen. Stickig wird es aber trotzdem nicht, da Belüftungsschlitze vorhanden sind und die frische Meeresluft ohnehin durch die Ritzen dringt.